Samstag, 27. Mai 2017

Alle auf die Margot!

ch habe sowohl zu Margot Käßmann als auch zur AfD - gemäßigt ausgedrückt - ein eher gespaltenes Verhältnis.

[Kurze Pause für die pawlowschen Schnappatmer, damit sie ihr "Skandal! Der Herr Alipius hat Margot Käßmann mit der AfD verglichen!" loswerden können...]

Reformationsbotschafterin (jawoll... so etwas existiert dieser Tage offensichtlich...) Käßmann ist im Moment Vorzeige-Buhfrau bei all denen, die sich in ihrem Deutsch-Sein ständig beobachtet bis angemacht fühlen. Denn sie sagte, wie die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers berichtet, während ihrer Bibelarbeit auf dem Kirchentag in Berlin dies:
    Die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann hat in einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag in Berlin die AfD angegriffen. Die Forderung der rechtspopulistischen Partei nach einer höheren Geburtenrate der "einheimischen" Bevölkerung entspreche dem "kleinen Arierparagrafen der Nationalsozialisten", sagte die ehemalige hannoversche Landesbischöfin am Donnerstagmorgen. "Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: 'Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht'", kritisierte die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unter tosendem Beifall.
Der Takeaway bei den Erzürnten ist: Käßmann haßt Deutschland und die Deutschen, weil sie findet, daß jeder braun ist, der unter seinen Eltern bzw Großeltern nicht wenigstens einen Nicht-Deutschen nachweisen kann.

Man kann nun geteilter Meinung sein, was Käßmanns Bewertung der AfD-Forderung nach einer höheren Geburtenrate bei der einheimischen Bevölkerung betrifft. Ich finde sie bescheuert (die Bewertung), kann aber natürlich verstehen, wie ein entsprechend konditionierter Verstand sofort den Sprung zu den Nazis findet und auch macht.

Jedoch: Selbst wenn die Geschichte zeigen sollte, daß der käßmannschen Bewertung allgemeine Ablehnung zuteil wird, haben wir es immer noch mit einer Aussage zu tun, die einerseits verstanden werden will und andererseits ein paar Gräben weiter tatsächlich auch verstanden wird.

Margot Käßmann vergleicht die AfD-Forderung mit dem "Kleinen Ariernachweis". Dieser galt als erbracht, wenn der Proband offiziell beglaubigte Taufurkunden seiner Eltern und Großeltern vorlegen konnte (von seiner eigenen Taufurkunde und den entsprechenden Heiratsurkunden einmal abgesehen). Wenn Käßmann also sagt "Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern", dann bezieht sie sich damit auf die Bedingungen für den Arier-Nachweis*. Der Reformationsbotschafterin darf unterstellt werden, daß sie sowohl besagten Nachweis als auch alle damit zusammenhängenden Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten verständlicherweise rigoros ablehnt. Mehr noch: Sie findet, daß aus der Richtung, aus welcher auch heute noch Rufe nach einem solchen Nachweis kommen, ein eindeutig braun eingefärbter Wind weht.

Nicht mehr, nicht weniger. Käßmann will keineswegs sagen, daß all jene Nazis sind, die zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern haben, sondern daß jene in der braunen Ecke stehen, welche bei jeder in Deutschland lebenden Person am liebsten zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern im Stammbaum sähen**.
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* Sie liegt damit nicht zu 100% richtig, da besagter Nachweis eine Abstammung aus der sogenannten "arischen Volksgemeinschaft" belegen sollte. Zu dieser zählten die Nürnberger Gesetze "Personen deutschen oder artverwandten Blutes", also nach damaliger Auffassung z.B. auch Angehörige "nordischer" Völker. Im Sinne der damaligen Machthaber war der Arier-Nachweise also kein strenger Deutschen-Nachweis sondern eher ein Nicht-Juden-Nachweis.

** Ob die Forderung der AfD nach einer höheren Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung nun tatsächlich ein Ruf nach dem "Ariernachweis 2.0" ist und ob Käßmann ihre Kritik vielleicht auch geschickter, origineller und dialogoffener an den Kirchentagsbesucher hätte bringen können: Das ist wieder eine ganz andere Diskussion.

Kommentare:

Arminius hat gesagt…

Zu Frau Käßmann kann ich nichts schreiben, ohne daß unmittelbar die nächste Beichte fällig würde.

Aber ich möchte gerne zitieren, was ein bekannter Publizist dazu schreibt.

Der Herr Alipius hat gesagt…

Ja, aber auch einem Broder muß man zugestehen, daß er unter Interpretationszwang und Jubelhunger mal eine Aussage - trotz hilfreichem Kontext - nicht korrekt versteht.

Janhagel hat gesagt…

Hallo!

Ich glaube, dass aus Käßmanns Aussage durchaus folgt, alle Deutschstämmigen seien Nazis.
An anderer Stelle schrieb ich zu dem Thema:

"De facto ist dieser Käßmann'sche Stunt natürlich antideutsch.

Alle Abstammungen und Identitäten dürfen politisch vertreten [und gefördert] werden – nur die deutsche nicht. Rein logisch muss also etwas im vorpolitischen Deutschssein liegen, was bewirkt, dass es "nazi" wird, sobald es politisch vertreten wird.

[...] Für Käßmann ist das Eigene der Deutschen das Nazihafte. Und wenn sich die Deutschen zum Eigenen bekennen, sind sie ideologische Nazis. Deutsche dürfen sich also nicht zum Eigenen bekennen [und es fördern]. Das dürfen bloß alle anderen: Juden, Moslems, Schwarze, etc..

Käßmann sagt also durchaus zu jedem Deutschen:
'Du bist ein Nazi!'
Sie setzt bloß hinzu:
'Aber hey, du musst ja nicht du selbst sein!'"

So hat Käßmann ihre Aussagen aber natürlich nicht begründet, sondern mit einem Verweis auf die Geschichte.
Allerdings ist nicht einsehbar, warum sie ausgerechnet auf diesen Zeitabschnitt in diesem Land zurückgreift, obschon alle Menschen für sie doch im Grunde gleich sein müssten. Es muss wohl so sein, dass sich in der NS-Zeit für Käßmann das wirklich wahre deutsche Wesen voll und ganz gezeigt hat und dass man daher jede Aktion der Deutschen immer wieder an den NS-Prüfstein anlegen muss. Aber nur die Aktionen der Deutschen! Beispielsweise den Islam mit dem Faschismus zu vergleichen und dann aufgrund von Ähnlichkeiten zu verdammen, ist ja nichts wofür Käßmann bekannt ist. (Das unterscheidet sie von klassischen Liberalen, die gegen jede Identitätspolitik sind, und für die das hier Geschriebene daher nicht direkt gilt.)

Ich denke daher, dass Käßmanns Äußerungen tatsächlich implizieren, alle Deutschen seien Nazis, wenn auch schlafende. Dass sie uns die Möglichkeit der Selbstverleugnung als temporäre Unterdrückung von unserem angeblichen Nazitum anbietet, ändert daran nichts. Der NS bleibt trotzdem der uns exklusiv* vorbehaltene Prüfstein.

*Käßmann behält diesen Prüfstein allerdings ebenfalls Personen "artverwandten Blutes" vor; sprich: allen Weißen.