Sonntag, 15. Oktober 2017

Wirklichkeitsfluch(t)

ch lehne mich mit dem Rücken gegen die Zeit und spreche die Zauberworte. Der Riß ist klein, aber zuverlässig. Mit dem nötigen Druck zwinge ich mich hindurch und lasse mich durch die Jahre fallen. Ich lande auf einer saftig-grünen Wiese. Ich lande in einem totenstillen Schützengraben. Ich lande in klarem seichtem Wasser. Ich lande unter einem stumpfen Henkersbeil. Ich lande an einer reich gedeckten Tafel. Ich lande in einer aufgebrachten Menschenmenge. Ich lande auf einem sanft behauchten Gipfel. Endlich lande ich in einer schaukelnden Kutsche. Auch die Vergangenheit hat unschöne Realitäten, welche die Unmittelbarkeit ihrer jeweiligen Gegenwart nutzen, um hämisch grinsend ihre gezückten Pläne und ihre gewetzten Zukünfte anzubieten. Doch wo die Phantasie frech ist, die Lust auf Vertrautes groß und die Sehnsucht nach morgen begrenzt, dort lasse ich mich auf weichen Polstern und Kissen gerne tragen durch die unentschlossene Natur eines herbstlichen Nachmittags, dem Licht der Lüster und dem Klang der Gläser entgegen, hinein in das zauberhaft gequälte Rauschen. Die Gesellschaft ist ein wenig schlaff, ein wenig übersättigt. Aber nie zu frei von Furcht oder Dünkel, mich nicht entweder als ihren Herrn oder ihren Untergebenen zu behandeln. Ich bin behütet genug, beides mit großem Vergnügen zu leben. Mir ist es einerlei. Ich habe in der Vergangenheit Deine Gegenwart noch immer gefunden, sei es an Höfen oder in Kloaken. Natürlich und ehrlich und ein für alle Mal: Der Glanz und der Überfluß und die Sorglosigkeit sind mir dort immer lieber als der Schmutz und der Mangel und die Qual. Doch wer weiß schon, wie er für seine Herrlichkeit einst zu bezahlen hat? Immerhin: Oft genug erbarmt sich Gott der Reichen, der Prassenden, der Luxuriösen und schmettert sie noch zu ihren Lebzeiten in den Untergang, um sie später nicht zu streng richten zu müssen. Nun erkenne ich Dich noch. Bald ich sehe Dich nicht mehr. Und dann kommen die Fragen.

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